Degrowth-Radl-Tour von Wien nach Budapest

Degrowth und das Fahrradfahren.

Man könnte denken, Fahrradfahren ist total Degrowth. Oder ist Degrowth Fahrradfahren? Nach unserer unglaublich inspirierenden Tour von Wien in die Lausitz zum Klimacamp konnten wir es kaum erwarten unsere Räder für die nächste Tour zu satteln. Bisschen Fahnen malen, Räder herrichten (diesmal in der großartigen Bikekitchen), Route planen, Packliste schreiben und los geht’s… Nein, niiie  geht’s schnell los. Schnell loskommen war schon bei der letzten Tour nicht unsere Stärke und so starteten wir wiedermal mit ein paar Stunden Verspätung, aber supermotiviert…

Außer ein paar alten „C4C-Has_innen“ waren auch viele Frischlinglis dabei. Unter ihnen Christian, der bereits seit Juli mit seinem Rad und vielen Kameras von England über Deutschland nach Wien radelte und eine „Open documentary“ plant. Auch sein Ziel war die Degrowth Konferenz und Action Week in Budapest. Sein Super-Lastesel stellte sich als optimales Obst- und Gemüsetransportvehikel heraus, das kaum Druckstellen an diesen hinterließ. Ein Traum.  Diese Möglichkeit ließ uns gleich am ersten Tag eine Kiste Banane vor dem Wegwerfen retten. Naja, war dann aber gar nicht mehr notwendig, weil wir sie in einem kleinen Anfall alle an Ort und Stelle aufaßen. Wie ist das nochmal mit den Gruppendynamiken?

Die erste Nacht verbrachten wir auf der Donauterrasse. Dieser Ort ist für alle Wiener_innen sehr zu empfehlen. Eine kleine Wiese direkt an der Donau auf der campen for free erlaubt ist. Ein kleiner Halb-Tagesausflug von Wien entfernt und wirklich schön. Am nächsten Tag gings schon in die Slowakei und auf einen kleinen Abstecher in die Hauptstadt Bratislava zum Mittagspicknick. Mitten in der osteuropäischen Spätsommerhitze gings weiter und ähnlich einer Fata Morgana: ein wunderschöner Badesee. Was die Badegäste über diese Gruppe an Radler_innen dachte, die plötzlich alle nackt in den See sprangen, möchte ich bis heute noch wissen. Schon am Abend fuhren wir über die slowakisch-ungarische Grenze und schon befanden uns im Forint-Land. Spätestens hier entstand die nächste Gruppendynamik, die uns noch einige Diskussionen bringen sollte. Kartoffelchips. Kartoffelchips. Kartoffelchips. So, jetzt ist es raus.

Nach einer Nacht auf einem wunderschönen leeren „Campingplatz“ (mit Peak Mensch-Fahrrad; wer versteht‘s? ;-)) fuhren wir weiter ins Landesinnere über Györ nach Pápateszér. Dort befindet sich das Bildungszentrum der Umweltschutzorganisation Reflex in einem mini-kleinen ungarischen Dorf, wo wir unsere Zelte aufschlagen durften. Der Weg führte uns durch die ungarischen „Berge“, die wirklich beschwerlicher waren als man so denkt. Der erste (wartet mal, der Einzige??!) Platten, unglaubliche Hitze und die Sorge, unsere minimalen Essensvorräte nicht auffüllen zu können, brachte einige an ihre Grenzen. Zum Glück gibt es aber Fussballplätze, die bewässert werden (Freiluftduschen!) und Nachbar_innen, die einfach so Brote verschenken. Ein Traum.

Am nächsten Tag ging‘s wieder zurück an die Donau und weil ja beide Seiten befahrbar sind wechselten wir für einen Tag das Land. Hallo Slowakei again. Da wussten wir aber noch nicht, welchen seltsamen Gestalten wir begegnen werden. In einer kurzen Pause wurden wir von zwei Donauschlammmonstern verfolgt, die erst performanceartig auf sich aufmerksam machten. Während eines schnell liebesbedürftig nach Umarmungen Ausschau hielt, versuchte das andere Monster offensiver an Liebe zu gelangen. Oh shit, wo sind eigentlich Niko und Freddy? Die anschließenden Riesenpizzen in Esztergom waren jedenfalls so schnell verputzt, dass kein Zweifel über die Anwesenheit aller Radler_innen aufkommen konnten.


Schon am nächsten Tag erreichten wir Budapest und weil mir zu diesem Tag gerade nichts einfällt und ich noch die Kartoffelchips-Geschichte schuldig bin, kommt diese jetzt. Wie „Degrowth“ sind Kartoffelchips? Aus irgendeinem Grund fingen wir schon recht früh an, bei fast jedem Einkauf eine nicht kleine Anzahl von Kartoffelchips zu kaufen, die auch meist innerhalb kürzester Zeit verputzt wurden. Doch wie passt das zu Degrowth? Auch während der Reise war es uns wichtig unseren Anlass der Reise nicht aus den Augen zu verlieren und stellten uns die Frage, wie solche Radtouren so „degrowthest“ wie möglich gestaltbar sind. Da unsere Mobilität doch sehr entschleunigt und emissionsarm ist, redeten wir viel über unsere Ernährung. Das identifizierte Hauptproblem schien die Diskrepanz zwischen dem großen Hunger – bei körperlicher Betätigung wie dem Fahrradfahren mindestens dreimal so groß- und den Möglichkeiten der Essensbeschaffung in Supermärkten. Nach Betrachtung unserer häufig unter Heißhunger stattfindenden Einkäufe stellten wir fest, dass diese (trotz tierproduktfrei) eindeutig „nachhaltiger“ gestaltbar waren. Ohne Tages- und Routenplan könnte man, so fanden wir heraus, leichter auch die Essensproblematik lösen. Mit mehr Zeit und weniger Kilometer pro Tag ist eine nachhaltigere Nahrungsversorgung (z.B. bei der lokalen Bevölkerung nach Überschüssen fragen, nach Bioläden Ausschau halten, …) sicherlich möglich. Merken wir uns fürs nächste Mal! Vielleicht ist nicht Fahradfahren per se Degrowth und Degrowth sowieso nicht nur Fahrradfahren, aber Mobilität in einer Postwachstumsgesellschaft kommt sicher nicht ohne Fahrradfahren aus und eine Postwachstumgesellschaft ohne Fahrrad ist noch weniger vorstellbar als mit. In diesem Sinne: Cycle for Change!!!!